Familientreffen

Familientreffen

Predigt im Gottesdienst zum 11. Oberstdorfer Fotogipfel
Sonntag, 2. Juli 2023, Evang.-Luth. Christuskirche Oberstdorf

Foto: René Lieger für den Workshop „Kreative Momente mit Jean Noir“, Oberstdorfer Fotogipfel 2022

I. Segen einer Großfamilie

Mary ist 86 Jahre alt. Das ist nicht außergewöhnlich. Auch nicht, dass sie im schottischen Edinburgh lebt. Was Mary besonders macht: sie ist Schottlands erste und bisher einzige Ur-ur-ur-Oma. Da muten die 86 Jahre Lebensjahre fast jugendlich an.

In Marys Familie leben sechs Generationen gleichzeitig. Sie selbst hat acht Kinder. Und alle Töchter und Schwiegertöchter dieser Generation bekamen Kinder als sie um die 18 Jahre alt waren. Mary hat allein 90 Enkelkinder, darunter mit der kleinen Nyla eine Ur-ur-ur-Enkelin. 

So eine große Familie bringt gewisse Probleme mit sich. Wo trifft man sich für ein Familientreffen? Wie soll man sich nur die vielen Namen merken? Und Geschenke zum Geburtstag oder Weihnachten? Die sind nicht drin. Mary wäre mit dem Besorgen der Geschenke die Hälfte des Jahres beschäftigt. Aber auf Geschenke kommt es auch nicht an.

Mary sagt: „Ich bin eine glückliche Frau. Es ist großartig, eine so große Familie zu haben. Es ist immer jemand da, der auf dich aufpasst.“ Zumal die meisten Familienmitglieder in und um Edinburgh leben – teilweise nur 10 bis 15 Minuten voneinander entfernt.

„Es ist immer jemand da, der auf dich aufpasst.“ Klingt wie ein Glaubensbekenntnis zu dem Gott, zu dem eine Geschundene ruft: „Du bist ein Gott, der mich anschaut“. Hagar sagt das. Auf ihrer Flucht vor Sarah, die es nicht erträgt, dass Hagar ein Kind mit Abraham hat. Von Sarah ausdrücklich gebilligt, damit sie und Abraham Nachkommen haben. In der Wüste begegnet Hagar ein Engel Gottes. Er hat Wasser. Und eine Verheißung: auf deinem Leben und dem deines Sohnes Ismael liegt Segen.

II. Verbrüderung

Eine große Familie: Segen und Fluch zugleich. Hast du viele Geschwister, hast du immer eine Spielgruppe. Hast jemanden, der die gleiche Lehrerin hatte und damit auch die gleichen Hausaufgaben und Klassenarbeiten. Da kannste prächtig schnorren. Als Älterer musst du aushalten, dass die Eltern an dir noch die Erziehung üben und das Wort „gechillt“ für sie ein Fremdwort ist. Die Kleinen müssen die Klamotten der Großen auftragen. Die Großen denken: Die Kleinen dürfen alles. Auf Babysitten haben sie keine Lust. Und wenn das Nesthäkchen viel jünger als die anderen ist, bleibt es allein zurück, ist auf einmal Einzelkind. Hat die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern. Au weh!  Geschwisterkonstellationen haben es in sich. Die Bibel erzählt davon. Z.B. in der aufregenden Saga von Josef und seinen Brüdern. Sie fährt das volle Programm familiärer Verwicklungen auf. Eine Geschichte mit großem Liebeshunger. Hineingewoben sind Neid, Kränkung und Verlust, persönliche Tragik und Schuld. Ganz am Ende der Saga kommt es zum Familientreffen. Sie wird zu einer echten Verbrüderung. Den Vater Jakob haben sie begraben. Jetzt sind sie sich einander ausgeliefert. Was hält sie jetzt noch zusammen, wenn es nicht mehr der Vater ist?

Josefs Brüder haben Angst, dass jetzt alles an Schmerz aufbricht, was sie aneinander gelitten haben. Was sie sich an Schmerzen zugefügt haben. Sie haben nie miteinander geklärt, was geschehen ist.
Vor etlichen Jahren hatten sie Josef buchstäblich verraten und verkauft haben. Weil sie Josef erst in den Brunnen geworfen und dann einem völlig aussichtslosen Schicksal überlassen haben.

Dem Vater hatten sie Josefs Tod vorgegaukelt. Und zugesehen hatten sie, wie Jakob in tiefer Trauer seine Kleider zerriss. Sie hatten sich so bemüht, diesen Bruder loszuwerden. Für immer. Diesen schönen Josef. Den Augapfel Jakobs. Nur Augen für Josef hat Jakob. Josefs Brüder sehen sich gedemütigt. Und weil sie nicht wissen, wohin vor lauter Missachtung, wählen die den bösen Weg. Nun also kommt es zum Brudertreffen. Als die Brüder vor Josef stehen, geschieht etwas Unerwartetes: Josef weint. Er triumphiert nicht. Hält seinen Brüdern nicht vor, was sie alles getan haben. Rechnet nicht auf und nicht ab, so dass es richtig weh tut.

Josefs Tränen sind wie eine Erlösung. Vergessen hat er nicht. Wie könnte er auch. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen.“ Aber dann löst Josef den Knoten. Das Große aber kommt: „Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Es geht nicht nur um Josef. Es geht nicht um Josefs Brüder. Nicht um Schuld. Und Schmerz. Vergeltung oder gar Tod. Es geht um eine Verheißung, die bestehen bleibt, auch wenn sich eine Familie heillos in böse Taten verstrickt. Josef spricht die Verheißung aus: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ich will euch und eure Kinder versorgen. Und Josef tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ Die Saga sagt: Wer sich traut mit Gottes liebevollen Augen zu sehen, kann Frieden mit seiner Geschichte machen. Auch mit Gott.

III. Der Elefant im Raum

Ingwer Feddersen stammt aus Brinkebüll. Irgendwo in Nordfriesland. In ihrem Roman „Mittagsstunde“ schreibt Dörte Hansen Ingwers Geschichte. Er hat vor Jahren die Flucht aus dem Dorf ergriffen, um in der Stadt seiner Passion nachzugehen. Buddeln. Ingwer ist `n Studierter, mit Doktortitel, was Höheres. Ingwer buddelt summa cum laudae im Dreck, um nach alten Schätzen zu graben. Das ist nix für Sönke, seinen Opa.

Nun kommt Ingwer zurück. Oma Ella ist tüddelig, also dement. Und Sönke hinfällig, auch wenn er mit Rollator die Stellung im Dorfkrug hält. Mit 93 Jahren. Er hatte das Menschenmögliche getan, um aus dem vaterlosen Ingwer was halbwegs Normales zu machen. Und das meint: Dorfwirt. Seinen Unmut über Ingwer zeigt Sönke seit Ingwers Entschluss, aufs Gymnasium nach Husum zu gehen. „Hä“, keifte Sönke. Und spuckte später auf Ingwers Bafög-Antrag, das Diplom, den Doktortitel. Sönke sprach dann vom Studierer, was klang wie Verlierer, wie Zerstörer, wie Verbrecher. Mit voller Absicht. „Was er sagen wollte, wusste Sönke Feddersen genau. Jeder Schuss ein Treffer, mit dem Spucken konnte er ein Schiff versenken.“

Sönke wusste auch, was er nicht sagen wollte. Er wollte auch nicht sagen, was er wusste. Und was Ingwer wissen sollte. Kennen Sie das? Sie spüren, dass irgendwas nicht stimmt. Irgendwie wissen alle anderen um einen herum Bescheid, nur man selbst hat keine Ahnung, was los ist. Brinkebülls Augen und Ohren wissen viel. Und geben es nichts preis. Ingwers Mutter und Vater sind die ganze Zeit präsent, ohne da zu sein. Die Fragezeichen stehen so sichtbar im Raum. Und die Dorfgemeinschaft samt der beiden Alten Ella und Sönke haben es glänzend gelernt, die Fragezeichen zu umschiffen. Daran kann doch ein Mensch irre werden, oder? Ist da denn niemand, der sieht, was Not tut? Und die Not wendet?

IV. Nur die Liebe zählt

Ingwer und Josef und Hagar sind ihren Weg gegangen. Sie hatten kaum jemanden, der in ihrer Nähe war und sich kümmerte, so wie Marys Familie in Edinburgh. Familienbande können tatsächlich binden. Und Familien können Banden sein.

Wenn wir uns auf die Fährte unserer eigenen Sehnsüchte, Begabungen und Fähigkeiten begeben, dann müssen wir uns auch abgrenzen. Das gehört zum Erwachsenwerden. Wieviele Träume sind schon geplatzt, wieviel Liebe ist schon erstickt worden mit dem Satz: „Das kannst du uns doch unmöglich antun!“ Sich zu entscheiden, sich von Vater, Mutter oder Geschwister zu scheiden, ist bestimmt nicht immer der einfache Weg. Kann aber der einzig mögliche sein, um der eigenen, inneren Stimme Raum zu geben und zu folgen.

So, stelle ich mir vor, war es auch bei Jesus. Sein Fleisch und Blut hat nicht mehr exklusiv das Anrecht auf das Prädikat „Familie“. Sie spielt keine Rolle. Bestenfalls geht seine Familie in der großen Menge an Schwestern und Brüdern auf, die sich zu ihm halten.
Jesus ist der eigenen, inneren Stimme gefolgt, die ihm sagt: nur die Liebe zählt. Klingt paradox bei der Absage an die eigene Familie. Nur die Liebe zählt, die wie bei Josef und seinen Brüdern eine Verheis-sung offenhält, dass ein Menschenleben angesehen ist – von oberster Stelle. Und diese Liebe lebt er. Was die Bibel von Jesus erzählt, ist wie eine Fotostrecke der Liebe Gottes mitten in der Menschheitsfamilie.

V. Die Freiheit und Verantwortung von Fotografie

In diesem Sinne wünsche ich mir Fotografie. Frei. Wenn sie nicht Gebrauchsfotografie ist. Frei, mit nur einem Bild eine Geschichte zu erzählen. Ohne Worte. Und du verstehst alles. Wie mit diesem Foto heute.

Ich kann die Schönheiten des Lebens erzählen. Die Natur in ihrer vollen Schönheit von Korallen bis zum Steinbock, in ihrer Verletzlichkeit vom schmelzenden Gletscher bis zum Rappenalptal.

Ich schaue wie die Fotograf*innen auf dem Foto genau hin auf Menschen, die vor einer Wand stehen. Die im Leben Fragen haben, aber mit ihnen abprallen an Mauern des Schweigens.
Ich nehme Menschen in den Fokus, deren Leben vor die Wand gefahren ist. Menschen, auf die herabgeschaut wird als Kreaturen minderer Klasse.
Ich wittere den unausgesprochenen Schmerz eines Menschen. Ich schaue nicht weg.

Ich wünsche mir Fotograf*innen, die verantwortungsvoll umgehen mit den Motiven, die sie belichten. So wie es die Autor*innen der Bibel getan haben. Sie entscheiden, was sie zeigen möchten. Was sie sich zu zeigen trauen. Sie entscheiden, ob sie ihre Motive filtern, aufhübschen. Ob sie die Botschaft des Bildes weichzeichnen. Ob sie sich an einer Katastrophe ergötzen. Oder gar einen Menschen bloß stellen.

Ich wünsche mir den liebevollen Blick auf die Dinge, der mindestens die Verheißung in sich trägt: Du bist gesehen. Manchmal lässt diese Botschaft einen Menschen aufstehen. Dieser Blick treffe dich und mich in unseren Nächten und Tagen. Auf dass Friede uns erfüllt, der höher ist als wir denken und begreifen können. Amen.

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