„Gottes Wort“ oder: Marias bewegtes Herz

„Gottes Wort“ oder: Marias bewegtes Herz

Predigt in der Christmette am 24. Dezember 2023
Evang.-Luth. Christuskirche Oberstdorf

Der letzte Hirte ist gerade zum Stall hinaus. Maria winkt noch zum Abschied. Sieht, wie die Hirten vor allen ausbreiten, was sie gerade gehört und gesehen hatten.

Maria dreht sich um, schließt die Stalltür von innen. Schließt die Augen. Schnauft durch. „Endlich ist´s still“, denkt Maria bei sich. „Wir müssen zur Ruhe kommen. Das Kind. Mein guter Josef. Und ich. Nach dieser langen Reise. Nach dieser Geburt unterwegs. Nach dem Besuch all dieser aufgeregten Menschen hier.“

Ihre Worte haben sie da gelassen. Die Hirten. Ausgebreitet im ganzen Stall. Kein Wunder. Endlich mal was Neues unterm Himmel. Das muss man sehen. Das muss man bestaunen. Das muss man bereden. Und auch nicht zu wenig. Manche Worte stehen noch im Raum. Einige liegen in der Luft. Ein paar wurden verächtlich fallen gelassen. Nur ein paar Hülsen darunter. Punkt und Komma Fehlanzeige. Haben die Hirten nicht gebraucht. So aufgeregt waren sie.

Maria betrachtet alle diese Worte. Und fasst einen Entschluss: „Ich will die ganzen Worte sammeln und für uns bewahren. Ich will die Worte im Herzen bewegen. Wer weiß, wofür sie noch gut sind.“

Dann nimmt sie jedes Wort in die Hand. Zuerst sammelt sie alle „Ooohs“ und „Aaahs“ ein. Dann jedes „süß“, jedes „niedlich, jedes „herzig“. Dann jedes „Wunderbar“, danach jedes „Herrlich“.

Danach macht sie zwei weitere Stapel: links „Ganz der Vater“, rechts „Der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten“. Und ist ein wenig irritiert, dass der linke Stapel höher ist.

Maria nimmt auch die unschönen Worte, die fallen gelassen wurden. Sie weiß nicht von wem. Und es sind auch nicht viele. Aber sie sind da. „Das junge Ding“. „Und dieser Altersunterschied“. Und aus einer dunklen Ecke ihres Herzens legt sie die Lästerworte hinzu, die sie zu hören bekam, seit der Engel ihr das Kind antrug. „Sie macht ihren Eltern Schande“. „Die ist übergeschnappt, redet von einem Engelsbesuch, glaubt, dass sie den Messias auf die Welt bringt“. Maria macht all diesen fallen gelassenen Worten jetzt den Kehraus.

Als nächstes greift Maria nach den Worten, die in der Luft liegen. Nicht ausgesprochene Worte. Aber gedacht und hineingeatmet in die Herberge. Viel Glück und Segen und Kraft und Mut sammelt Maria ein.

Als Maria einen Schritt zurückgeht, stößt sie sich an einem sperrigen Wort, das im Raum steht. Sie hatte es schon gesehen, aber bisher erfolgreich umgangen. Jetzt schmerzt es, dieses „Und nun?“ Ein Hirte hatte die Frage nicht ausgesprochen, aber gedacht, als er hörte, dass die Familie nur auf der Durchreise ist.

Maria will das Wort in ihre Sammlung packen, aber es fällt ihr aus der Hand. Sie versucht es zu ergreifen, langt wieder und wieder vergeblich danach, bis es in hohem Bogen auf die „Hoffnung“ fällt, die am Kopfende der Krippe liegt, es wäre es das Namensschild des Kindes. Sie zuckt kurz und schiebt die unbequeme Frage im Schlaf beiseite.

Maria weckt die Hoffnung: „Wach auf, gute Hoffnung.“

„Ich bin so fertig!“, gähnt ihr die Hoffnung entgegen. „Ich war Jahrhunderte wach. Jetzt bin ich so was von erfüllt in dieser Nacht!“

„Du bist noch nicht fertig, meine Gute!“ kontert Maria. „Glaubst du wirklich, eine erfüllte Hoffnung ist keine Hoffnung mehr? Ich habe dich unterm Herzen getragen. Jetzt hast du zwei Beine, Hände, Kopf und Herz. Wirst laufen lernen. Reden. Und Taten sprechen lassen.

Schau dich mal um. Sieh doch, welche Worte die Hirten von meinem Kind gesagt haben.“

Da räkelt sich die Hoffnung und sieht all die goldschimmernden Worte im Raum:

„Sohn des Höchsten“.

„Davidssohn“.

„König“.

„Heiland“.

„Christus“.

„Retter“.

Und Maria spricht: „Das ist sein Name: Jesus. Gott rettet. Nach Rettung sehnen sich die Menschen, weil Angst haben unterzugehen vor Hunger, auf der Flucht, unter leeren Versprechen. Sie sehnen sich so wie Josef und ich: nach einem sicheren Zuhause. Nach Menschen, die gut zu uns sind. Nach genug zu essen. Nach Frieden in unserem Land, selbstbestimmt, ohne gewalttätige Machthaber, hoch zu Ross.“

„Ich weiß, ich weiß“, lenkt die Hoffnung ein, „ich kenn dein Lied“.

„Dann ist´s ja gut. Dann hast du verstanden“, sagt Maria erleichtert.

„Darum versprich mir eines“, fügt sie ernst hinzu. „Weiche niemals von meinem Sohn. Keinen Tag nicht.“

„Versprochen“, sagt die Hoffnung.

„Und keine Nacht nicht. So schwarz sie auch sein wird!“ 

„Versprochen“, sagt die Hoffnung.

Und in der Wüste nicht. Und auch nicht unter Dornen!“

„Versprochen“, sagt die Hoffnung.

„Du bist alt, du bist erfahren“, setzt Maria nach. „Du kennst die Menschen. Du weißt, wozu sie im Stande sind, wenn sich ihre Hoffnung nicht erfüllt.“

„Das weiß ich, in der Tat, meine Liebe! Aber ich werde sterben, wenn ich keine Hilfe bekomme. Das ist so gewiss wie das Amen in der Synagoge!“

„Was kann ich tun?“, fragt Maria.

„Gib mir Worte mit, die du in deinem Herzen trägst.“, antwortet die Hoffnung. Am besten die leichten, denn schwer wird´s von ganz allein.“

Da schließt Maria wieder die Augen. Betrachtet alle Worte, die sie im Herzen trägt. Bewegt sie hin und her.

„Liebreiz“, sagt Maria nach einer Weile. „Ja, Liebreiz soll mein Kind haben. Nicht nett soll es sein.  Reizend. Es soll so lieb sein, dass es eine Reaktion auslöst. Einen Liebes-Ausschlag. Das wäre doch mal was. Wenn die Liebe den Ausschlag gibt.“

„Hast du noch ein zweites Wort?“, fragt die Hoffnung.

„Maseltov“, antwortet Maria spontan.

„Viel Glück. Ist das nicht ein bisschen profan?“, fragt die Hoffnung.

„Ganz und gar nicht!“, entgegnet Maria. „Ein Tropfen von oben“, ist damit doch gemeint. Wie ein Gruß des Himmels. Wie Regen auf karges Land. Wie Segen.“ Ja, so soll mein Kind sein für jeden Menschen, dem es begegnet.“

„Hast du noch ein Wort?“, fragt die Hoffnung froh. „Ja, Himmelskind. Das gefällt mir besonders gut. Ein kleiner Hirte hat es vorhin nur gehaucht. Er kam vor lauter Gerede der Großen nicht zu Wort. Himmelskind. Es soll mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und seinen Kopf nach oben richten und niemals in den Sand stecken. Es soll die Menschen aufrichten, ihre Knie, ihre Rücken gerade, dass sie größer werden und dem Himmel näher kommen.

„Gib mir noch ein letztes Wort“, bittet die Hoffnung auf. Da geht Maria zur Krippe. Deckt Josefs Mantel von ihrem Kind auf. Nimmt es auf ihre Arme. „Schau! Hier ist es!“, sagt Maria.

Die Hoffnung stutzt. „Das Kind?“, fragt sie.

„Mein Kind. Jesus. Schau, das ist Gottes Wort. Gottes Wort ist wahr geworden. Hat zwei Beine, Hände, Kopf und Herz. Lernt laufen. Reden. Lässt Taten sprechen. Gottes Taten.

„Ich gebe dir mein Wort“, verspricht die Hoffnung. „Ich mache dein Himmelskind stark, dass sein Liebreiz wie ein Tropfen von oben ist. Dann werden die Menschen kommen, um Gottes Wort zu hören. Und sie werden ihm zwei Beine, Hände, Kopf und Herz schenken. Mit ihm laufen lernen. Reden wie er. Taten sprechen lassen. Und sie werden wie die Hirten alles ausbreiten, was sie gehört und gesehen haben. Und irgendwann, Gott weiß wann, bin ich ganz und gar erfüllt. Weil alles gut ist. Und die Himmelskinder die Erde bevölkern.

Dann nimmt Maria die Hoffnung sanft in beide Hände und legt sie ihrem Kind aufs Herz.

„Hoffnungsträger“, spricht sie übers Kind.

Für alle Menschen. Für alle Zeit. So sei es. Amen

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